Voll die Arschkarte
Voll die Arschkarte

Voll die Arschkarte

Schiedsrichter:innen haben ein Image­pro­blem. Gewalt, Beschimp­fun­gen und feh­len­der Respekt sind schuld am Nach­wuchs­man­gel. Noah Schmidt macht es trotz­dem. Der 12-Jäh­rige ist jüngs­ter Schieds­rich­ter­an­wär­ter in Ostholstein

taz-Arti­kel

TIMMENDORFER STRAND | Sie sind hoch­be­gehrt, aber auf und neben dem Feld und auf den Tri­bü­nen nur sel­ten beliebt. Gewalt ist im Ama­teur­fuß­ball ein ste­tes Risiko für Unpar­tei­ische, aber bei Wei­tem nicht der ein­zige Grund, warum es an Nach­wuchs man­gelt. Mot­zende Eltern in der Jugend, wütende Fans im Ama­teur­be­reich und flie­gende Bier­be­cher im Pro­fi­fuß­ball – Schiedsrichter:innen zie­hen so man­ches Mal die Arschkarte.

Noah Schmidt ist zwölf Jahre alt und wohnt mit sei­ner Fami­lie in Tim­men­dor­fer Strand, einer Gemeinde direkt am Ost­see­strand. Er hat sich vor einem Jahr dazu ent­schlos­sen, die Aus­bil­dung zum DFB-Schieds­rich­ter zu beschrei­ten. Nach eini­gen Theo­rie­stun­den und einem Wis­sens- und Fit­ness­test ist er jetzt der jüngste Schieds­rich­ter­an­wär­ter in Ostholstein.

An einem strah­len­den Sonn­tag­mor­gen darf Noah end­lich sein ers­tes Spiel als Schieds­rich­ter­an­wär­ter lei­ten. Die D‑Juniorinnen sei­nes eige­nen Ver­eins spie­len gegen den Olden­bur­ger SV, es ist Hin­spiel im Pokal. Noah steht schon eine halbe Stunde frü­her auf dem Platz, als Schieds­rich­ter muss er über­prü­fen, dass hier alles in Ord­nung ist. Ange­spannt wirkt er noch nicht, obwohl er heute gleich mehr­fach beob­ach­tet wird und die meis­ten Spie­le­rin­nen des Heim­teams mit ihm in eine Klasse gehen.

Die Pandemie beschleunigt den Schiedsrichtermangel

Dass Schiedsrichter:innen in der Ten­denz Man­gel­ware sind, das ist schon seit Jah­ren zu beob­ach­ten. Aller­dings schrumpfte die Zahl der Mann­schaf­ten im Meis­ter­schafts­spiel­be­trieb noch stär­ker, die Quote der Unpar­tei­ischen pro Team stieg daher bis 2019 in Nord­deutsch­land sogar noch leicht an. Doch dann kam die Sai­son 2019/20, der Ama­teur­fuß­ball wurde von Corona-Kon­takt­be­schrän­kun­gen hart getrof­fen, denn wäh­rend die Bun­des­liga nur kurz pau­sie­ren musste, stand der Spiel­be­trieb außer­halb der gro­ßen Sta­dien für Monate still. Das betraf auch die Schiedsrichter:innenausbildung, ein Wech­sel auf digi­tale For­mate für die Unter­richts­ein­hei­ten konnte in vie­len Ver­bän­den erst stark ver­zö­gert ein­ge­rich­tet wer­den. So sank die Zahl der neu aus­ge­bil­de­ten Schiedsrichter:innen in Nord­deutsch­land von 1.656 in der letz­ten Sai­son vor Corona auf 675 im ers­ten Pandemiejahr.

Noah hat den Lehr­gang im Früh­jahr 2021 begon­nen. Auf­merk­sam auf die Mög­lich­keit wurde er durch Wer­bung von sei­nem Ver­ein, dem NTSV Strand 08. Im Februar 2022 legte er dann die Prü­fung zum Anwär­ter ab – gemein­sam mit 23 wei­te­ren Anwärter:innen. Für ein Jahr hat er jetzt die­sen Sta­tus, bevor er die offi­zi­elle DFB Prü­fung able­gen darf.

Mentor:innen für den Nachwuchs

Am Spiel­feld­rand steht heute Roland Epp, selbst Schiri und Kreis­schieds­rich­te­r­ob­mann in Ost­hol­stein. Im Anwärter:innenjahr beglei­ten erfah­rene Kolleg:innen oder Ehe­ma­lige wie Epp den Nach­wuchs als Pat:innen, um Feed­back zu geben, bei Fra­gen zu unter­stüt­zen und Bericht über die Fähig­kei­ten der Spiel­lei­ten­den zu erstatten.

Roland Epp gibt dem jungen Schiedsrichter Noah Schmidt einige Hinweise
Hin­weise und Anmer­kun­gen vom erfah­re­nen Schiri für den Nach­wuchs — das Paten­pro­gramm soll den Start in das Ehren­amt erleichtern.

Schiedsrichter:innen sol­len aber nicht nur im Kin­der- und Jugend­be­reich rekru­tiert wer­den. Auch ehe­ma­lige Fußballer:innen, die auf­grund ihres Alters nicht mehr spie­len kön­nen, oder jene, die mit einer leich­ten Ver­let­zung das aktive Kicken auf­ge­ge­ben haben, könn­ten eine zweite Kar­riere mit Tril­ler­pfeife und Stopp­uhr begin­nen, erklärt Epp. So sei es auch bei ihm selbst gewesen.

Um Teil­neh­mende für die ein­mal im Jahr begin­nen­den Lehr­gänge zu gewin­nen, müsse der Ver­band „immer am Ball blei­ben und eng mit den Ver­ei­nen zusam­men­ar­bei­ten“. Finan­ziert werde das wei­test­ge­hend von den Ver­ei­nen selbst, expli­zite Mit­tel zur Wer­bung von Schiedsrichter:innen von­sei­ten des DFB gebe es nicht.

Bis auf die mot­zi­gen Kom­men­tare vom Spiel­feld­rand macht Noah sein neues Ehren­amt Spaß

„Es geht aber nicht nur um Schieds­rich­ter­ge­win­nung, son­dern auch um deren Erhal­tung“ erklärt Epp, denn viele Nach­wuchs-Unpar­tei­ische zieht es nach der Schule ins Leben – zum Stu­dium in eine andere Stadt etwa. Die Schieds­rich­te­rei, sel­ten mehr als ein Hobby, fällt da leicht hin­tenr­un­ter. Ein Phä­no­men, das auch den Ama­teur­fuß­ball und das Ver­eins­we­sen im All­ge­mei­nen betrifft.

Lohnt sich das überhaupt?

Der zeit­li­che Auf­wand ist hoch, bei einer Quote von nur 0,44 Schiedsrichter:innen pro Fuß­ball­team in Deutsch­land. Min­des­tens 15 Spiele soll­ten pro Jahr gelei­tet wer­den. Oft sind es mehr, teils sogar meh­rere Spiele an einem Wochen­ende. Zusätz­lich müs­sen auch nach der DFB-Schiedsrichter:innenprüfung noch Lehr­gänge besucht und jähr­lich ein schrift­li­cher und phy­si­scher Test absol­viert wer­den. Das spie­gelt sich vor allem in den unte­ren Ligen nicht in der finan­zi­el­len Ent­schä­di­gung wider. Die beschränkt sich auf die Fahrt­kos­ten, ein nach Spiel­klas­sen gestaf­fel­tes Hand­geld (im Jugend- und Ama­teur­be­reich sind es zwi­schen 5 und 30 Euro) und freien Ein­tritt in Sta­dien der DFB-Vereine.

Roland Epp sieht Wer­bung als ein wich­ti­ges Mit­tel gegen den chro­ni­schen Schiri-Man­gel. Mit dem Pod­cast „Buch­ten­ki­cker“ will der Kreis­fuß­ball­ver­band Ost­hol­stein die Attrak­ti­vi­tät der loka­len Ver­eine stär­ken. Auch auf Insta­gram und Face­book wird gezielt für die Anwärter:innenlehrgänge gewor­ben. „Wir müs­sen junge Men­schen dafür begeis­tern, damit sie am Ball blei­ben“, so Epp. Dabei hel­fen auch Vor­bil­der aus den Bun­des­li­gen. Wie zum Bei­spiel Tobias Stie­ler, Schieds­rich­ter in der Her­ren-Bun­des­liga und der Cham­pions League. Er unter­stützt das „Schieds­rich­ter­prak­ti­kum“, das es in Schles­wig-Hol­stein seit 2017 gibt: Das Pro­gramm bie­tet Inter­es­sier­ten die Mög­lich­keit, Schiedsrichter:innen bei der Arbeit zuzu­schauen und bei den Bespre­chun­gen dabei zu sein. So hofft der Ver­band, das Inter­esse fürs Ehren­amt bei noch mehr Men­schen zu wecken.

Schiedsrichterei ist noch immer Männerdominiert

Julia Niko ist für die Pat:innen in Ost­hol­stein ver­ant­wort­lich und bewer­tet gemein­sam mit ihnen die Eig­nung der jun­gen Schi­ris für das Pfei­fen in höhe­ren Spiel­klas­sen. Sie ist selbst Schieds­rich­te­rin im Ama­teur­fuß­ball gewe­sen. Dass es in der Her­ren-Bun­des­liga nach dem Aus­schei­den von Bibiana Stein­haus keine Schieds­rich­te­rin mehr gibt, fin­det sie schade, es wür­den sich gene­rell nur wenige Frauen für das Ehren­amt inter­es­sie­ren. Im Kreis­fuß­ball­ver­band Ost­hol­stein sind es von 163 Schiedsrichter:innen gerade ein­mal 5.

Allein in Deutsch­land wür­den nur 7 Pro­zent der Schiedsrichter:innen in der Bezirks­liga oder höher pfei­fen, erzählt Cars­ten Byer­netzki, stell­ver­tre­ten­der Geschäfts­füh­rer des Ham­bur­ger Fuß­ball-Ver­bands e. V., der selbst 33 Spiele in der Zwei­ten Bun­des­liga gelei­tet hat. Je nach Bun­des­land ist das die siebt- oder acht­höchste Spiel­klasse. Das bedeu­tet im Umkehr­schluss aber eben auch, dass mehr als 9 von 10 Schiedsrichter:innen aus­schließ­lich im Ama­teur­be­reich arbei­ten. Es gehört also schon eini­ges dazu, in die­sem Kon­text aufzusteigen.

Die­ses Hand­zei­chen von Noah Schmidt zeigt einen Tor­ab­stoß an. 

Mit zwölf Jah­ren in die Schieds­rich­te­rei ein­zu­stei­gen erhöhe aber die Chan­cen, in höhere Lie­gen zu kom­men. „Die Erfah­rung, die man als zwölf­jäh­ri­ger Schieds­rich­ter sam­melt, sind für einen, der drei, vier Jahre spä­ter anfängt, nicht auf­zu­ho­len“, meint Roland Epp. Das Feed­back, das die Pat:innen dabei bei­steu­ern, ist für die per­sön­li­che Wei­ter­ent­wick­lung wich­tig. Die Bedeu­tung des Pat:innensystems ist auch vom DFB aner­kannt und seit 2018 auf Wunsch eini­ger Lan­des­ver­bände deutsch­land­weit etabliert.

Premier League als ehrgeiziges Ziel

Das Spiel zwi­schen den D‑Juniorinnen des NTSV Strand 08 und des Olden­bur­ger SV endet 7:0 für das Heim­team. Kar­ten musste Noah keine ver­tei­len, dafür aber ein Tor nach einem Schieds­rich­ter­ball zurück­neh­men. „Sehr gut gemacht“, meint Epp dazu, „das war keine ein­fa­che Situa­tion“. Ein wenig Arbeit an der Kör­per­spra­che und kla­rere Hand­zei­chen sind nur Abzüge in der B‑Note, die der Pate heute zu bean­stan­den hat.

Auch Noah ist zufrie­den mit sei­ner Leis­tung, „nur die Eltern haben ein biss­chen genervt“. Bis auf die mot­zi­gen Kom­men­tare vom Spiel­feld­rand macht ihm sein neues Ehren­amt Spaß, er kann sich gut vor­stel­len, noch län­ger als Schieds­rich­ter zu pfei­fen. „Am liebs­ten in der Pre­mier League“ möchte er ein­mal Refe­ree sein, die eng­li­sche Pro­fi­liga fin­det er „bes­ser als die Bun­des­liga“. Bis der Traum eines Tages Rea­li­tät wer­den könnte, liegt noch ein wei­ter Weg vor dem Zwölfjährigen.

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